Fledermäuse sind in Agrarlandschaften auf die gemeinsame Jagd mit Artgenossen angewiesen

(25.03.2020) Große Abendsegler – eine der größten heimischen Fledermausarten – suchen ihresgleichen, um bei der Jagd über insektenarmen Feldern erfolgreich zu sein.

Wie Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) zeigen konnten, jagen die Fledermäuse über insektenreichen Wäldern vorwiegend als Einzelkämpfer, über insektenarmen Agrarflächen jedoch gemeinschaftlich in der Gruppe.

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) Dabei orientieren sie sich offenbar an den Jagdrufen ihrer Artgenossen, die ihnen unabsichtlich Hinweise auf ertragreiche Gebiete liefern.

Das „Belauschen“ der Jagdgenossen zum Aufspüren von Nahrung funktioniert vermutlich nur dann, wenn eine ausreichende Zahl von Individuen im selben Luftraum nach Insekten jagen.

Nehmen die Fledermauspopulationen weiter ab, könnte eine kritische Dichte unterschritten und die gemeinschaftliche Jagd schwierig oder unmöglich werden. Dies könnte das Überleben von Arten wie dem Großen Abendsegler zusätzlich bedrohen. Die wissenschaftliche Untersuchung ist in der Fachzeitschrift „Oikos“ publiziert.

Menschliche Aktivitäten haben das Antlitz der Erde in den letzten Jahrhunderten massiv verändert. Während Mitteleuropa in der Antike noch von dichten Urwäldern bedeckt war, dominieren heute Felder, Wiesen und Forste das Land. Naturlandschaft wurde vom Menschen zur Kulturlandschaft umgewandelt. Viele Wildtiere verschwanden, für andere Arten ergaben sich neue ökologische Nischen.

Besonders erfolgreich waren dabei Fledermäuse. Als sogenannte Kulturfolger kamen viele Arten bislang auch in einer von Menschen geprägten Umgebung zurecht, fanden in Gebäuden Unterschlupf und über Ackerflächen Nahrung. Doch was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? Sind sie vielleicht besonders effiziente Jäger?

Um das zu überprüfen, stattete ein Forscherteam des Leibniz-IZW Große Abendsegler mit Messgeräten aus, die ihre Raumposition und Ultraschall-Rufe aufzeichneten. Aus akustischen Aufnahmen spezieller Jagdrufe, sogenannter „feeding buzzes“, ließ sich ableiten, wann und wo die Fledermäuse besonders viele Insekten erbeuteten.

Außerdem ließ sich durch die Aufnahme des akustischen Umfelds feststellen, ob Artgenossen anwesend waren. Eine Untersuchungskolonie befand sich in einem Gebiet nördlich von Berlin, das von großen Weizen-, Raps- und Maisfeldern geprägt ist.

Die Individuen der zweiten Kolonie ging südöstlich von Berlin über einem von Kiefernwald geprägten Gebiet auf Nahrungssuche. In beiden Gebieten zeigten die Fledermäuse zwei Flugmuster – den Streckenausflug und den kleinräumigen Suchflug, bei denen die Tiere in einem eng begrenzten Raum im Zick-Zack umherfliegen. Bei der Jagd über dem Wald stießen die Fledermäuse sowohl im Streckenflug als auch im kleinräumigen Suchflug regelmäßig Jagdrufe („feeding buzzes“) aus, unabhängig davon, ob Artgenossen in der Umgebung waren.

Sie waren also als Einzeljäger in beiden Modi erfolgreich. Über den Feldern jedoch blieben die Jagdrufe der Tiere im Streckenausflug oft aus. Erst wenn sie auf einen Artgenossen trafen, schalteten sie auf den kleinräumigen Suchflug um, der von vielen Jagdrufen begleitet war.

Die Schlussfolgerung der WissenschaftlerInnen: Auf Feldern sind Beuteinsekten selten und in größerer Zahl nur an wenigen Stellen – zum Beispiel an Hecken oder Gräben – zu finden. Deshalb belauschten die Fledermäuse hier im Streckenflug ihre Artgenossen.

Wenn sie eine erfolgreiche Jagd anhand der Jagdrufe ihres Nachbarn erkannten, schlossen sie sich den jagenden Artgenossen an und wechselten in den kleinräumigen Suchflug, um den aufgespürten Insektenschwarm effektiv „abzugrasen“. Über Wäldern dagegen ist mehr Beute zu finden, die noch dazu vermutlich gleichmäßiger verteilt ist. Hier waren die Tiere auch ohne das Belauschen von Artgenossen erfolgreich.

„Die gemeinschaftliche Jagd macht es den Fledermäusen möglich, auch in einem landwirtschaftlich genutzten Gebiet mit geringer Beutedichte Nahrung zu finden“, sagt Christian Voigt, Leiter der Abteilung für Evolutionäre Ökologie am Leibniz-IZW.

„Das funktioniert allerdings nur, wenn die Population ausreichend groß ist. Aufgrund von Insektensterben und Kollisionen mit Windkraftanlagen könnten die Bestände des Großen Abendseglers und anderer Arten jedoch weiter abnehmen.

Die kritische Bestandsdichte könnte dadurch unterschritten werden, so dass eine gemeinsame Jagd unter Umständen nicht mehr möglich ist. Lokale Populationen, die auf diese Form des Nahrungserwerbs angewiesen sind, stünden dann vor dem Aus.“

Publikation

Roeleke M, Blohm T, Hoffmeister U, Marggraf L, Schlägel UE, Teige T, Voigt CC (2020)
Landscape structure influences the use of social information in an insectivorous bat. Oikos. DOI: 10.1111/oik.07158


Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Verschiedene Nervensignale im Stirnlappen der Brillenblattnasen-Fledermaus Carollia perspicillata (links) gehen Kommunikationslauten (oben) und Lauten zur Echo-Ortung (unten) voran.; Bildquelle: Julio C. Hechavarria, Goethe Universität Frankfurt

Rhythmische Nervensignale bestimmen Laute von Fledermäusen

Ein bestimmter neuronaler Schaltkreis im Gehirn kontrolliert bei Fledermäusen die Lautäußerungen der Tiere. Dies haben jetzt Biologen der Goethe-Universität Frankfurt herausgefunden
Weiterlesen

Fledermausforscher in Berlin.; Bildquelle: Christof Häberle/Leibniz-IZW

Fledermausforscher für die finale Projektrunde von WTimpact gesucht!

Für die dritte und letzte Projektphase werden nun neugierige Berlinerinnen und Berliner gesucht, die Hauptstadt-Fledermäuse zu „belauschen“
Weiterlesen

IZW

Fledermäuse in der tierärztlichen Praxis

Die Leibniz-IZW-Akademie bietet in Kooperation mit der Tierarztpraxis Völkendorf am 21. März 2020 einen Workshop zu Fledermäusen in der tierärztlichen Praxis in Berlin an 
Weiterlesen

Die Gebiete der Stadt, die die Fledermäuse für die Jagd präferieren; Bildquelle: Voigt & Gras/Leibniz-IZW

Fledermäuse bevorzugen dunkle Gebiete in der hell erleuchteten Stadt

Für Menschen ist eine Stadt ohne nächtliche Straßenbeleuchtung kaum mehr vorstellbar. Doch wie reagieren nachtaktive Tiere wie Fledermäuse auf die beleuchtete Stadtlandschaft?
Weiterlesen

Illumination von Fledermaushöhlen; Bildquelle: Stefan Greif

Beleuchtung von Höhlen vertreibt Fledermäuse – die Farbe des Lichts spielt nur untergeordnete Rolle

ForscherInnen haben untersucht, wie sich die Beleuchtung von Fledermaushöhlen auf das Verhalten der Tiere auswirkt und ob die Farbe des Lichts dabei eine Rolle spielt
Weiterlesen

Kopfportrait von Parahypsugo happoldorum.; Bildquelle: J. Decher 2009

Neue Fledermausgattung aus Westafrika

Der Bonner Zoologe Jan Decher und sein Team fingen in Guinea Fledermäuse, die jetzt von einer Autorengruppe im Rahmen einer Revision als neue Gattung und Art Parahypsugo happoldorum beschrieben wurden
Weiterlesen

Universitätsklinikum Freiburg

Influenza-Viren anpassungsfähiger als gedacht

Influenza-Virus aus Fledermäusen besitzt überraschend hohe Anpassungsfähigkeit - Übertragungseffekte zu anderen Tieren und Menschen schwer einschätzbar
Weiterlesen

Mit dem Fledermausdetektor auf der Suche nach Abendsegler und Co.; Bildquelle: Christof Häberle/IZW

Berliner erweisen sich als engagierte Fledermausforscher

Berlin ist die Hauptstadt der Fledermäuse. Von den 25 in Deutschland vorkommenden Arten sind 18 in Berlin nachgewiesen
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen

26.02.