Fledermäuse nutzen Polarisationsmuster zur Orientierung

(25.07.2014) Tiere können zur Orientierung verschiedenste Sinneswahrnehmungen einsetzen. Beispielsweise verwenden Vögel das Polarisationsmuster des Sonnenlichtes in der Atmosphäre, um ihr Orientierungssystem zu kalibrieren.

Nun haben Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen und von der Queen’s University Belfast zusammen mit Kollegen aus Israel ausgerechnet bei einer nachtaktiven Säugetierart, dem Großen Mausohr, die Fähigkeit zur Orientierung mit Hilfe von polarisiertem Licht entdeckt.

Diese Fledermäuse nutzen das Polarisationsmuster im Abendhimmel, um ihren inneren Kompass zu kalibrieren.


Fledermäuse beobachten den Sonnenuntergang im Versuchsaufbau
Im Laufe der Evolution haben sich vielfältige Sinnesorgane entwickelt, die den einzelnen Arten vielfältige Möglichkeiten geben, ihre Umgebung wahrzunehmen. So können zum Beispiel manche Insekten, Fische und Vögel ultraviolettes Licht sehen.

Die Wahrnehmung von polarisiertem Licht ist bislang nur bei wenigen Tiergruppen beobachtet worden, hauptsächlich bei Insekten, Vögeln und Reptilien. Polarisiertes Licht entsteht durch die Streuung des Sonnenlichts in der Atmosphäre. Das dabei entstehende Polarisationsmuster dient vielen Tieren als Kompass.

Bekannte Beispiele sind die Orientierung von Honigbienen und Zugvögeln mittels polarisierten Lichts. Auch Menschen sind zu einem gewissen Grad fähig, polarisiertes Licht zu sehen: So genannte Haidinger Büschel erscheinen als diffuse, gelbliche Formen im Auge. Dass Säugetiere diese Sinneswahrnehmung auch nutzen können, war bislang noch nicht bekannt.

Dies hat nun ein internationales Team von Fledermausforschern um Stefan Greif vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen bewiesen. Sie fanden heraus, dass das Große Mausohr (Myotis myotis) das polarisierte Licht der Abenddämmerung zur Kalibrierung ihres Orientierungssystems nutzt, das sich am Erdmagnetfeld der Erde ausrichtet.

Dazu fingen die Forscher 70 Mausohr-Weibchen in der Orlova Chuka-Höhle im Nordosten Bulgariens. Sie setzten einen Teil der Fledermäuse einer um 90 Grad verschobenen Polarisationsrichtung zum natürlichen Spektrum aus, der andere Teil der Tiere wurde in die gleichen Boxen, nur ohne Filter, gesetzt.

Die Tiere wurden in den Boxen an zwei verschiedene, der Ausgangsposition entgegen gesetzte Orte gebracht. Um die Flugroute der Tiere zu verfolgen, versahen die Forscher die Fledermäuse mit kleinen Sendern und ließen sie lange nach Einbruch der Dunkelheit frei.

Diejenigen Tiere, die bei Sonnenuntergang einem um 90 Grad verschobenen Polarisationsmuster ausgesetzt waren, flogen danach in eine Richtung, die um 90 Grad von der abwich, in welche die Kontrolltiere flogen.

Mit diesem einfachen Experiment konnten die Forscher erstmals zeigen, dass Fledermäuse das Polarisationsmuster im Abendhimmel nutzen, um ihren inneren Magnetkompass zur Orientierung zu kalibrieren.

Wie genau dies funktioniert, ist allerdings noch unklar. “Weitere verhaltensphysiologische Studien sind nötig, um den genauen Mechanismus zu entschlüsseln“, sagt Stefan Greif, Erstautor der Studie.

Originalpublikation

Stefan Greif, Ivailo Borissov, Yossi Yovel, Richard A. Holland
A functional role of the sky’s polarization pattern for orientation in the greater mouse-eared bat
Nature Communications, veröffentlicht online am 22.07.2014 (DOI: http://dx.doi.org/10.1038/ncomms5488)



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Mit dem Fledermausdetektor auf der Suche nach Abendsegler und Co.; Bildquelle: Christof Häberle/IZW

Berliner erweisen sich als engagierte Fledermausforscher

Berlin ist die Hauptstadt der Fledermäuse. Von den 25 in Deutschland vorkommenden Arten sind 18 in Berlin nachgewiesen
Weiterlesen

Die Wissenschaftler bauten dreidimensionale "Standbilder" von Wasserwellen nach und ließen Fledermäuse im Dunkeln die flache Scheibe in der Mitte von jeweils einer der anderen Scheiben unterscheiden.; Bildquelle: Klemen Koselj

Fledermäuse hören in 3D

Die Echoortung von Fledermäusen verwendet trotz der unterschiedlichen Anatomie von Augen und Ohren Informationen über dreidimensionale Raumstruktur, wie sie auch der Sehsinn verwendet
Weiterlesen

TWINCORE Seminar: Prof. Dr. Silke Stertz über neue Influenza A Viren in Fledermäusen

TWINCORE Seminar: Prof. Dr. Silke Stertz über neue Influenza A Viren in Fledermäusen

Silke Stertz, Assistenz-Professorin der Molekularen Virologie am Insitut für Medizinische Virologie der Universität Zürich spricht am 16. April 2019 über neue Influenza A Viren in Fledermäusen
Weiterlesen

Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii); Bildquelle: Christian Giese

Künstliches Licht und Baumbestand beeinflussen die Aktivität von Fledermäusen in der Stadt

Künstliches Licht gilt zurecht als bedeutende kulturelle, soziale und wirtschaftliche Errungenschaft. Zugleich wird dem künstlichen Licht ein negativer Einfluss auf die Tierwelt nachgesagt, insbesondere auf nachtaktive Tiere in Großstädten
Weiterlesen

Stiftung Fledermausschutz

Stiftung Fledermausschutz rettet 71 Fledermäuse in Zürich

Im Februar 2019 erhielt die Stiftung Fledermausschutz einen Notruf: 71 Grosse Abendsegler müssen gerettet werden! In der Fledermaus-Notpflegestation im Zoo Zürich setzen die geschützten Tiere nun ihren Winterschlaf bis im Frühling fort
Weiterlesen

Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii); Bildquelle: Christian Giese

Fledermäuse wandern mit idealer Reisegeschwindigkeit für höchste Reichweite

Zu Lande, im Wasser oder in der Luft – eine Vielzahl von Tierarten wandert saisonal zwischen unterschiedlichen Lebensräumen. Der Luftweg ist der schnellste, aber auch der energieaufwändigste
Weiterlesen

Universität Zürich

Influenzaviren von Fledermäusen könnten auf Menschen überspringen

Fledermäuse sind nicht nur Träger tödlicher Ebolaviren, sondern auch ein Reservoir neuartiger Influenzaviren
Weiterlesen

Großer Abendsegler (Nyctalus noctula) in einer Baumhöhle; Bildquelle: Uwe Hoffmeister

Langzeitstudie über das Wanderverhalten von Fledermäusen

Jedes Jahr unternehmen Billionen Tiere jahreszeitliche Wanderungen. Ähnlich wie Vögel wandern einige Fledermausarten über mehrere Tausend Kilometer – im Schutz der Dunkelheit von Menschen nahezu unbemerkt und nur teilweise erforscht
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen