Lebensraum asiatischer Elefanten könnte schrumpfen

(21.03.2019) Die Erhaltung geeigneter Lebensräume ist eine wesentliche Voraussetzung für den Schutz bedrohter Tierarten; durch Klima- und Landnutzungswandel könnten die idealen Habitate von heute jedoch in 30 oder 50 Jahren nicht mehr passend sein.

WissenschaftlerInnen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) haben daher gemeinsam mit internationalen KollegInnen eine umfassende Studie in Indien und Nepal durchgeführt.

Die Ergebnisse erlauben Vorhersagen zu treffen, wie sich passende Lebensräume für asiatische Elefanten durch den globalen Wandel zukünftig verändern. Während kleine Regionen im Norden und Nordosten des Subkontinents mehr passende Habitate bieten könnten, prognostizieren die ForscherInnen insgesamt herbe Verluste in allen Szenarien.


Asiatischer Elefant

Die Zusammenhänge zwischen globalem Umweltwandel und lokalem Vorkommen der Elefanten sind in einer Studie in der Fachzeitschrift „Diversity and Distributions“ dargestellt.

Es ist lange bekannt, dass der globale Wandel von Klima, Landnutzung oder Wasserkreisläufen die Lebensbedingungen von Wildtieren verändert und passende Lebensräume verschiebt – direkt oder indirekt. Wie genau dies geschieht, ist jedoch auf lokaler Ebene sehr unterschiedlich.

Am Beispiel der asiatischen Elefanten in Indien und Nepal haben WissenschaftlerInnen aus Spanien, Indien, Nepal, Myanmar, Italien und Deutschland diesen komplexen Prozess genau untersucht und Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Landnutzung und dem Vorkommen der Tiere erforscht.

„Wir haben eine Datenbank aus über 4.600 Elefantensichtungen und hochaufgelösten Umweltdaten zusammengestellt“, erklärt Surendra P. Goyal vom Wildlife Institute of India.

Dadurch konnten die WissenschaftlerInnen in einem ersten Schritt ein räumliches Modell über den Zusammenhang von Umweltbedingungen und Vorkommen von Elefanten erstellen und somit auf der Basis von Umweltdaten die räumliche Verteilung der Tiere vorhersagen.

„Zusätzlich zum Faktor ‚Nähe zum Menschen‘, insbesondere durch intensive Landnutzung, wird die Verteilung der Elefanten von einem Zusammenspiel von Niederschlag und Temperatur bestimmt“, erklärt Rajapandian Kanagaraj vom National Museum of Natural Sciences (MNCN) in Madrid, der Erstautor der Studie. Rund 256.000 Quadratkilometer Lebensraum eignen sich derzeit für die Tiere in Indien und Nepal, so die Berechnungen der WissenschaftlerInnen.

In einem zweiten Schritt bezogen sie Auswirkungen des Umweltwandels in das Vorhersage-Modell ein, um das Vorkommen der Elefanten in der Zukunft vorherzusagen. Sie nutzten Datenprojektionen für Klima- und Landnutzungsveränderungen in den Jahren 2050 und 2070 und errechneten mehrere Szenarien. Alle Szenarien deuten darauf hin, dass bestehende Bedrohungen des Elefantenbestandes auf dem Subkontinent durch die Effekte des Umweltwandels verstärkt werden.

„Wir können sehen, dass sich die Verbreitungsgebiete nahe dem Himalaya in die höher gelegenen Gebiete verschieben werden“, so Miguel B. Araújo vom MNCN. „Insgesamt ist der Zugang zu Wasser der entscheidende Faktor, weshalb der Effekt des Klimawandels sehr viel kleinteiliger und komplexer ist, als eine einfache Verschiebung von Habitaten in größere Höhen und in Richtung Norden.“

In einem anderen Szenario, das ausschließlich die direkten Klimafolgen projiziert, rechnen die WissenschaftlerInnen mit einem Schrumpfen des Lebensraums der asiatischen Elefanten um 17 Prozent bis 2070, in anderen Szenarien sind es bis zu 42 Prozent.

„Der negative Effekt ist besonders ausgeprägt in Ost- und Südindien, wo die größten Elefantenpopulationen vorkommen und die Lebensräume schon jetzt sehr stark vom Menschen geprägt sind“, sagen Priya Davidar und Jean-Philippe Puyravaud vom Sigur Nature Trust in Indien.

Umfassende und aussagekräftige räumliche Modelle sind von großer Wichtigkeit, um die Folgen globalen Wandels auf Wildtierbestände abzuschätzen. „In unsere Datenbank haben wir 115 Umweltvariablen aufgenommen, davon 60 zu Klima, 29 zu Wald und Vegetation sowie 16 zu menschlichen Einflüssen.

Alle Daten wurden mit einer Auflösung von ein mal ein Kilometer erfasst“, erläutert Thorsten Wiegand, Modellierungsexperte vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.

Hinzu kamen 4.626 Elefantensichtungen zwischen 1990 und 2017, die meisten davon nach 2002. „Die Kunst des Modellierens bestand nun darin, die aussagekräftigsten Variablen für die Vorhersagen zu identifizieren und redundante Korrelationen zu eliminieren“, sagt Stephanie Kramer-Schadt, Leiterin der Abteilung für Ökologische Dynamiken am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW).

Das Team hat mehrere Modelle errechnet und geprüft, die die Verbreitung der Tiere nur auf der Basis von neun Variablen signifikant vorhersagen können. „Wir müssen uns aber im Klaren sein, dass wir es hier mit räumlichen Modellen und Klimamodellen zu tun haben“, ergänzt Kramer-Schadt.

Mit der Studie konnten damit wahrscheinliche Szenarien für die Veränderungen des Elefantenvorkommens in Abhängigkeit dieser Variablen entwickelt werden, die Vorhersagen seien daher immer mit Unsicherheiten verbunden.

Die Ergebnisse dieser umfassenden Studie sind für Schutzbemühungen dennoch von großer Bedeutung, da die Karten für die derzeitige und mögliche zukünftige Verbreitung der asiatischen Elefanten deutlich sichtbar machen, wo kritische Habitate liegen und umgehender Schutz nötig ist. Darüber hinaus können bestehende Habitatstrategien evaluiert und angepasst werden.

Eine ergänzende Analyse zeigt zudem auf, wie wichtig verbundene Habitate sind. „Unser Basismodell errechnet nur, wie gut eine ein Quadratkilometer große Fläche für die Tiere geeignet ist. Nimmt man die natürlichen Aktionsradien der Tiere in die Rechnung auf, verschärft sich das Bild noch einmal“, sagt Kanagaraj.

„Große Kerngebiete finden sich genau dort, wo die Folgen des Umweltwandels am gravierendsten sein werden, in Süd- und Ostindien.“

Fragmentierte Gebiete, wie sie im und in der Nähe des Himalaya typisch sind, könnten mit dem Wissen dieser Analysen vernetzt werden. Hier ergeben sich spezifische Managementziele für lokale Habitatschutzprojekte, die auf die Verbindung geeigneter Lebensräume abzielen.

„Wir sind davon überzeugt, dass ein effektiver Habitatschutz immer das Kernstück für die Erhaltung der Artenvielfalt sein wird“, so das Forschungsteam. „Unsere Studie bietet die erste umfassende Bestandsaufnahme der Effekte des Klima- und Umweltwandels auf die Bestände asiatischer Elefanten in Indien und Nepal.

Dies kann eine Vorlage für ähnliche Vorhaben in Süd- und Südostasien sein, um wirksame Strategien und Konzepte für den Artenschutz im Schatten des Klimawandels zu entwickeln.“


Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Angela Stöger-Horwath und Christopher Gorofsky ; Bildquelle: Daniel Zupanc

KognitionsbiologInnen der Universität Wien erforschen Lautkommunikation von Elefanten

Im Rahmen eines FWF-Projekts untersuchen KognitionsbiologInnen der Universität Wien die frühe Mutter-Kind-Kommunikation des kürzlich geborenen Elefantenbaby Kibali und seiner Mutter Numbi im Tiergarten Schönbrunn
Weiterlesen

Elefanten; Bildquelle: Colin Beale/Universität York

Ursachen der Wilderei von Elefanten

Studie zeigt Zusammenhang illegaler Jagd in Afrika mit Armut, Korruption und Nachfrage nach Elfenbein
Weiterlesen

Die beiden untersuchten Rüsseltiere: Asiatischer Elefant (links) und Stegodon (rechts).; Bildquelle: Nicola Heath

Asiatischer Elefant überlebte den Stegodon wegen seiner flexibleren Ernährungsgewohnheiten

Senckenberg-Wissenschaftler haben mit chinesischen KollegInnen die Ernährungsgewohnheiten des Asiatischen Elefanten und dessen ausgestorbenen Verwandten Stegodon während des Pleistozäns untersucht
Weiterlesen

Numbi mit Revierleiter Andreas Buberl; Bildquelle: Daniel Zupanc

Tiergarten Schönbrunn erwartet Elefanten-Nachwuchs

Der Bauch ist kaum noch zu übersehen: Das Elefanten-Weibchen Numbi im Tiergarten Schönbrunn ist trächtig. Die Freude im Zoo ist groß
Weiterlesen

Felix Hager und Kathrin Krausa sind nach Afrika gereist, um dort das Verhalten von Ameisen zu untersuchen.; Bildquelle: RUB, Marquard

Ameisen gegen Elefanten

Ameisen beschützen afrikanische Akazien gegen Fressfeinde wie Elefanten, Giraffen oder Antilopen und erhalten im Gegenzug Unterschlupf und Nahrung von den Bäumen
Weiterlesen

Wild gefangene Elefanten in Myanmar verbringen ihre Freizeit in nahegelegen Wäldern; Bildquelle: Alexandre Courtiol

Wild gefangene Elefanten haben eine verkürzte Lebensspanne

Wilde Elefanten werden bis zum heutigen Tag gefangen, obwohl der Bestand asiatischer Elefanten im Freiland rückläufig ist
Weiterlesen

Elefanten in Ostafrika; Bildquelle: Barbara Maas/NABU

Illegale Jagd auf Elefanten in Ostafrika

Eine internationale Forschergruppe hat Luftaufnahmen eines Naturreservats in Ostafrika analysiert und dabei Muster der illegalen Jagd auf Elefanten aufgedeckt
Weiterlesen

Mit einem 300 kg schweren Subwoofer gingen die KognitionsbiologInnen der Kommunikation unter Elefanten auf den Grund; Bildquelle: Anton Baotic/Universität Wien

Elefantenbullen reagieren auf unbekannte Weibchen stärker

Die KognitionsbiologInnen Angela Stöger und Anton Baotic von der Universität Wien erforschen die Kommunikation von Elefanten
Weiterlesen