Elf Robbenarten sind Ausrottung knapp entgangen

(18.11.2018) Das Fell als Rohstoff für Pelzmäntel, das Fett für Öllampen und als Heilmittel in der Kosmetik: Millionen von Robben wurden jährlich bis Ende des 19. Jahrhunderts gejagt und getötet.

Welche Folgen die damalige industrielle Jagd für derzeitige Robbenbestände hat, zeigt eine am 16.11.2018  erschienene Studie in „Nature Communications“. Verhaltensforschende der Universität Bielefeld haben herausgefunden: Elf Robbenarten sind nur knapp der Ausrottung entkommen.

Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist es gelungen, einen Großteil der heute lebenden Arten in ihre Untersuchung einzubeziehen. Die meisten Arten haben laut der Studie die Hochphase der Robbenjagd so gut überstanden, dass ihre genetische Ausstattung weiterhin variantenreich ist.

„Durch Jagd, Seuchen, Klimawandel oder auch Extremwetter können Tierarten in ihren Beständen so stark reduziert werden, dass sie genetisch verarmen“, sagt Professor Dr. Joseph Hoffman, Leiter der Forschungsgruppe Molekulare Verhaltensforschung der Universität Bielefeld und Teilprojektleiter im Transregio-Sonderforschungsbereich „NC³“, der sich mit Tieren und ihren individuellen Nischen befasst.


Der Nördliche Seeelefant überlebte nur aufgrund weniger Tiere. Der Bestand hat sich erholt, die heutigen Populationen sind aber genetisch stark miteinander verwandt.

Der Begriff „genetischer Flaschenhals“ beschreibt dieses Phänomen – die Schwierigkeit, trotz „enger“ genetischer Ausstattung als Art zu überleben.

„Wenn die genetische Vielfalt fehlt, verringern sich die Chancen einer Art, sich an verändernde Umweltbedingungen anzupassen oder sich gegen Viren oder Bakterien zu verteidigen. Man kann die genetische Ausstattung mit einem Werkzeugkasten vergleichen: Je weniger Werkzeuge man hat, desto schlechter ist man für verschiedene Situationen gerüstet“, sagt Hoffman.

Die Forschenden haben analysiert, welche Robbenarten sinnbildlich durch den genetischen Flaschenhals mussten. Für die Studie kooperierten sie mit Kolleginnen und Kollegen in zehn Ländern.

„So konnten wir genetische Daten für tausende Robben aus 30 verschiedenen Arten zu sammeln“, sagt Martin Stoffel, Erstautor der Studie und Doktorand in der Forschungsgruppe von Joseph Hoffman.

Heute existieren noch 33 Robbenarten. Damit ist die Studie die umfassendste Untersuchung zur genetischen Vielfalt bei Robben. Genutzt wurden zum Beispiel Daten aus einer Studie mit Antarktischen Seebären, einer Robbenart auf Bird Island (Südgeorgien) in der Subantarktis. Die Forschung zu Seebären ist Teil des Transregio-Sonderforschungsbereichs „NC³“.

In ihrer Analyse simulierten die Forschenden im Computer, welche genetische Vielfalt pro Robbenart zu erwarten wäre, wenn die Art vor 100 Jahren tatsächlich fast ausgestorben wäre. Diese Berechnungen verglichen sie mit den gesammelten genetischen Daten der heute lebenden Tiere.

Das Ergebnis: Die Robbenjagd vor einem Jahrhundert hätte beinahe ein Drittel der untersuchten Arten ausgerottet. „Die meisten Arten haben sich davon wieder erholt und verfügen trotz der damals intensiven Bejagung und trotz starker Rückgänge der Populationen auch heute noch über eine genetische Vielfalt, sodass zum Beispiel die Zahl der Erbkrankheiten überschaubar bleibt“, sagt Martin Stoffel.

„Es gibt aber vier Ausnahmen: der Nördliche Seeelefant, die Mönchsrobben im Mittelmeer und auf Hawaii und die Saimaa-Ringelrobbe“, sagt Stoffel.

„Das Erbgut der einzelnen Tiere innerhalb dieser Arten ist sich sehr ähnlich. Diese vier Arten haben nur bis zu 20 Prozent der genetischen Vielfalt der Arten, die kaum oder gar nicht bejagt wurden. Der Nördliche Seeelefant überlebte nur aufgrund weniger Tiere, wahrscheinlich waren es wenige Dutzend. Daraus entwickelte sich die derzeitige Population von mehr als 200.000 Tieren.“

Stoffel ist Experte für Nördliche Seeelefanten. Um sie für seine Dissertation zu erforschen, war er auf einer Expedition zum San Benitos Archipel, einer unbewohnten Inselgruppe im Pazifik vor der Mexikanischen Küste.

Welche Faktoren erklären, dass bestimmte Arten stärker unter der Bejagung litten als andere? Die Studie weist nach: „Die Populationen von Arten, die ihre Jungen an Land bekommen, sind infolge der früher massiven Jagd deutlich stärker zurückgegangen sind die Populationen der Arten, die auf dem Eis gebären“, sagt Stoffel.

„Das erklärt sich dadurch, dass auf dem Eis gebärende Robbenarten sich eher in entlegenen arktischen und antarktischen Gebieten aufhalten. Sie waren für die Jäger nicht zu erreichen.“

Der Populationsflaschenhals lässt sich auch für die Arten feststellen, deren Männchen während der Brutsaison einen Harem aus mehreren Dutzend Weibchen haben. „Das gilt für den Nördlichen und Südlichen Seeelefanten ebenso wie für den Antarktischen Seebären“, sagt Stoffel. „Ihre Paarungssysteme führen dazu, dass sich große Gruppen oder Populationen an einem Ort aufhalten und die Robben so leichte Beute für Jäger sind.“

Wurden Ende des 19. Jahrhunderts noch Millionen von Robben von Jägern getötet, sterben heute laut Tierschutzbund weltweit jährlich 750.000 Robben für kommerzielle Zwecke. Die meisten Robben werden mittlerweile in Kanada, Grönland und Namibia gejagt.



Weitere Meldungen

Aus einer Ruheposition heraus betrachtet Seebär "Fin" während des Zeitsinnexperiments den Zeitreiz; Bildquelle: Tamara Heinrich

Wissenschaftlerinnen erforschen das Zeitgefühl von Robben

Wissenschaftlerinnen der Universität Rostock konnten zeigen, dass Hundsrobben und Ohrenroben sehr ähnliche Fähigkeiten der Zeitwahrnehmung besitzen, obwohl die Robbenarten sich ansonsten in sehr vielen Aspekten unterscheiden
Weiterlesen

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Das Kräfteverhältnis der Meerestiere könnte sich durch die Erwärmung der Ozeane verschieben

In der Ökologie gilt die Regel, dass die Biodiversität in Richtung Äquator ansteigt und in den Tropen am höchsten ist
Weiterlesen

Schweiz

Schweiz verbietet die Einfuhr von Robbenprodukten

Die Einfuhr von Robbenprodukten in die Schweiz ist künftig nicht mehr erlaubt. Dies hat der Bundesrat an seiner Sitzung vom 3. März 2017 entschieden
Weiterlesen

WWF

WWF baut Schneehöhlen für bedrohte Ringelrobben

Der WWF hat mit freiwilligen Helfern in Finnland „Kinderstuben“ für Ringelrobben geschaufelt. In diese Schneewälle ziehen sich die Saimaa-Ringelrobben, eine bedrohte arktische Süßwasser-Robbenart, zur Geburt zurück
Weiterlesen

Ein Seehund, der gelernt hat, für Verhaltensstudien eine Augenmaske und Kopfhörer zu tragen.; Bildquelle: Marine Science Center Rostock

Wie Seehunde Fische fangen können, die regungslos am Grund liegen

Eine Forschergruppe an der Universität Rostock hat ein lange bestehendes Rätsel gelöst: Wie finden Seehunde ihre Beute, wenn sie sich am Grund oder im Sand versteckt?
Weiterlesen

LAVES

Bilanz der Seehund-Zählflüge zwischen Ems und Elbe

Der Seehundbestand im Niedersächsischen Wattenmeer hat sich auf hohem Niveau stabilisiert: 9.339 Tiere sind in diesem Sommer während der Flüge im Wattengebiet zwischen Ems und Elbe gezählt worden
Weiterlesen

Doktorandin Tamara Heinrich mit Versuchstier Luca.; Bildquelle: Heinrich, MSC

Seehunde haben ein Zeitgefühl

Die Meeressäuger können Zeitintervalle teils sogar im Millisekundenbereich unterscheiden. Diese bahnbrechende Erkenntnis haben Wissenschaftler des Robben-Forschungszentrums der Universität Rostock in einer einjährigen Studie herausgefunden und damit erstmals dieses Phänomen direkt beschrieben
Weiterlesen

Infrarot-Thermogram eines Seehundes

Thermoregulatorische Tricks der Robben ermöglichen konstante Körpertemperatur unter extremen Bedingungen

Meeresbiologin Dr. Nicola Erdsack von der Universität Rostock hat das Leben von Robben in ihren Forschungen unter die Lupe genommen
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen