LED-Straßenbeleuchtung beeinflusst Fledermaus-Aktivität

(02.09.2016) Die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf energiesparende Leuchtdioden (LEDs) hat erheblichen Einfluss auf Fledermäuse, die fliegenden Jäger der Nacht

Die Opportunisten unter den Fledermäusen verlieren Jagdgelegenheiten, lichtempfindliche Fledermausarten profitieren dagegen. Dies zeigt die aktuelle Studie von Christian Voigt und Daniel Lewanzik vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin.

Herkömmliche Quecksilber-Hochdrucklampen verfügen über ein sehr breites Wellenlängenspektrum, geben also auch Licht im UV-Bereich ab. Deshalb werden Insekten von Straßenlaternen und durch indirektes Licht aus Häusern magisch angezogen.


Insekten jagende Fledermaus an einer Straßenlaterne

Durch den sogenannten Staubsaugereffekt sammeln sich Nachtfalter, Mücken, Käfer und andere Insekten an den Lampen, umfliegen sie im Kreis, verfangen sich in Spinnennetzen. Für Insekten fressende Tiere sind Straßenlaternen ein „reichgedecktes Buffet“, so dass auch licht-tolerante Fledermausarten regelmäßig die vom Licht angezogenen Insekten jagen.

Den zur Straßenbeleuchtung genutzten LED’s fehlt der UV-Anteil jedoch. Insekten „übersehen“ die neuartigen Leuchtmittel deshalb und umschwirren die Lampen nicht mehr. Die IZW-Forscher wollten nun wissen, wie sich die Lichtumstellung auf die Aktivität der Fledermäuse auswirkt.

Grundsätzlich galt, dass die Opportunisten unter den Fledermausarten, wie Zwergfledermäuse und der Große Abendsegler, Licht tolerieren und nachts im Stadtgebiet jagen. Lichtscheue (sensible) Arten, zu denen viele Mausohren zählen, jagen dagegen hauptsächlich in dunklen Parks und Wäldern.

Für ihre Studie, die Teil des BMBF-Projektes „Verlust der Nacht“ ist, installierten die Wissenschaftler Fledermausdetektoren an 46 Straßenlaternen in sechs deutschen Städten, unter anderem in Freiburg im Breisgau und Berlin. Diese zeichneten automatisch die Echoortungssignale jagender Fledermäuse auf, wenn sie in die Nähe der Detektoren kamen.

Das Resultat: Während die Aktivität von Zwergfledermäusen an den LED-Lampen um 45 % abnahm, steigerte sich das Aufkommen der lichtscheuen Arten um das viereinhalbfache. Einige wenige Arten wie die Rauhautfledermaus ließen sich von der neuen Lichtqualität gar nicht beeinflussen.

„Wir schließen daraus, dass lichtempfindliche Fledermäuse die Profiteure der Umstellung sein werden, die Opportunisten jedoch darunter leiden werden“, sagt Voigt. Vermutlich werden letztere nun deutlich längere Jagdausflüge unternehmen müssen, um satt zu werden.

Sicher ist: Die Fledermäuse werden sich auf die neue Situation einstellen. Und nach den Ergebnissen der neuen Studie wird es voraussichtlich zu einer Verschiebung der Artzusammensetzung lokaler Fledermausgesellschaften im städtischen Gebiet kommen. Und die Konsequenzen?

„Das wird substantielle Auswirkungen auf den Bestand von Insekten haben, weil Fledermäuse ihr wichtigster Feind sind“, betont Voigt.

Wird es also künftig mehr Mücken und andere Plagegeister geben? „Ja, das ist die negative Seite“, bestätigt Voigt. „Aber es wird auch wieder mehr Nachtfalter geben und damit mehr Bestäuber!“ Mehr Bestäuber bedeutet eine höhere Samenproduktion, wovon die Pflanzenwelt profitieren wird. Effekte, an die vermutlich niemand dachte, als es um Energieeinsparung bei der Straßenbeleuchtung ging.

LEDs verbrauchen extrem wenig Energie; die Stromkosten sind daher sehr gering. Zudem können LEDs dynamisch reguliert und zum Beispiel gedimmt werden, wenn ihre volle Intensität nicht benötigt wird. Das ist sinnvoll – kann aber zugleich auch ein Problem werden.

Der Energiespareffekt wird durch die Tendenz vieler Haushalte, mit LEDs nun auch noch den letzten Winkel in Haus und Garten auszuleuchten, oft wieder zunichte gemacht. Dadurch nimmt auch die Lichtverschmutzung zu, deren negative gesundheitliche Auswirkungen auf den Menschen bereits gut untersucht sind.

„Menschen sind tagaktive Wesen und durch die Melatonin-Ausschüttung auf einen Tag-Nacht-Rhythmus eingestellt“, sagt Voigt. Etliche Studien belegen, dass Schichtarbeiter ein erhöhtes Risiko haben, an bestimmten Krebsformen zu erkranken, weil künstliches Licht den Biorhythmus beeinflusst.

„Die Wissenschaft sieht inzwischen immer klarer, dass künstliches Licht nicht nur Einfluss auf Menschen sondern auch auf Wildtiere und ganze Ökosysteme hat“, betont Christian Voigt.

Im November 2016 trifft sich in Berlin die EU-Fledermausexpertengruppe EUROBATS, um Beobachtungen in den EU-Staaten auszutauschen und Empfehlungen bezüglich künstlicher Beleuchtung abzustimmen. „Prinzipiell gilt: Je weniger künstliches Licht, umso besser. Bei jeder einzelnen Laterne sollte deren Notwendigkeit hinterfragt werden“, mahnt Christian Voigt.

Mit Menschen vertraute und in ihrer Umgebung lebensfähige (synanthrope) Fledermausarten, die sich auf die künstliche Beleuchtung eingestellt haben, leiden derzeit übrigens doppelt. Sie verlieren nicht nur Jagdreviere, sondern – durch die energetische Sanierung von Häusern und die damit verbundenen verbesserten Isolierungen – auch viele Quartiere.

Publikation

Lewanzik D, Voigt CC (2016): White is not white: Pervasive transition from conventional to LED street lighting changes activity of urban bats. Journal of Applied Ecology; DOI: 10.1111/1365-2664.12758.



Weitere Meldungen

Flussbarsche reagieren empfindlich auf Lichtverschmutzung.; Bildquelle: Michael Feierabend

Schlafen Stadt-Fische schlechter? Lichtverschmutzung unterdrückt Melatoninbildung bei Barschen

Melatonin taktet die innere Uhr, dank eines hohen Melatoninspiegels werden Menschen abends müde. Melatonin ist auch bei Tieren wichtig für den Biorhythmus
Weiterlesen

Die Gebiete der Stadt, die die Fledermäuse für die Jagd präferieren; Bildquelle: Voigt & Gras/Leibniz-IZW

Fledermäuse bevorzugen dunkle Gebiete in der hell erleuchteten Stadt

Für Menschen ist eine Stadt ohne nächtliche Straßenbeleuchtung kaum mehr vorstellbar. Doch wie reagieren nachtaktive Tiere wie Fledermäuse auf die beleuchtete Stadtlandschaft?
Weiterlesen

Illumination von Fledermaushöhlen; Bildquelle: Stefan Greif

Beleuchtung von Höhlen vertreibt Fledermäuse – die Farbe des Lichts spielt nur untergeordnete Rolle

ForscherInnen haben untersucht, wie sich die Beleuchtung von Fledermaushöhlen auf das Verhalten der Tiere auswirkt und ob die Farbe des Lichts dabei eine Rolle spielt
Weiterlesen

Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii); Bildquelle: Christian Giese

Künstliches Licht und Baumbestand beeinflussen die Aktivität von Fledermäusen in der Stadt

Künstliches Licht gilt zurecht als bedeutende kulturelle, soziale und wirtschaftliche Errungenschaft. Zugleich wird dem künstlichen Licht ein negativer Einfluss auf die Tierwelt nachgesagt, insbesondere auf nachtaktive Tiere in Großstädten
Weiterlesen

Venezuela Guppys; Bildquelle: David Bierbach, IGB

Lichtverschmutzung macht Fische mutig

Künstliches Licht in der Nacht macht Guppys am Tage risikobereiter, so das Ergebnis eines Verhaltensexperiments von Forschern des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und des Max-Planck Instituts für Bildungsforschung
Weiterlesen

Fliegende Rauhautfledermaus; Bildquelle: Christian Giese

Rotes Licht bei Nacht: eine potenziell fatale Attraktion für migrierende Fledermäuse

Weltweit nimmt nachts die Lichtverschmutzung rasant zu. Besonders nachtaktive Tiere sind davon betroffen, ohne dass bekannt ist, wie sie im Einzelnen auf künstliches Licht reagieren
Weiterlesen

Migrierende Fledermäuse werde von künstlichem Licht abgelenkt.; Bildquelle: Oliver Lindecke

Künstliches Licht beeinflusst migrierende Fledermäuse Die Entscheidung liegt auch bei Ihnen!

Migrierende Fledermäuse werden durch künstliches Licht von ihrer nächtlichen Flugroute abgelenkt. Aber nicht, weil sich an der Lichtquelle vermehrt Insekten tummeln – sondern weil das Licht selbst sie anzieht
Weiterlesen

Künstliches Licht und entspreched verkürzte Ruheperioden könnten Stress für die Küken bedeuten; Bildquelle: Katharina Mahr

Wie künstliches Licht das Liebesleben der Vögel verändern könnte

Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass  künstliche Beleuchtung in Städten negative Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Umwelt haben kann. VerhaltensbiologInnen der Vetmeduni Vienna untersuchen in einem laufenden Forschungsprojekt, wie Blaumeisen im Wienerwald auf “Lichtverschmutzung“ reagieren
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen