UZH-Anthropologen beschreiben dritte Orang-Utan-Art

(02.11.2017) Bis heute gelten der Borneo- und Sumatra-Orang-Utan als zwei getrennte Arten. Nun beschreiben UZH-Forschende mit einem internationalen Team eine neue Menschenaffenart, den Tapanuli-Orang-Utan. Er ist der am stärksten bedrohte Menschenaffe, nur noch rund 800 Tiere leben in den Hochlandwäldern im Norden Sumatras.

Zwei indonesische Orang-Utan-Arten sind bis anhin beschrieben und offiziell anerkannt. Eine Art lebt auf der Insel Sumatra, sogenannt Pongo abelii.

Die andere ist auf Borneo beheimatet, Pongo pygmeaeus. 1997 entdeckten Forscher der Australian National University bei Feldstudien eine Orang-Utan-Population. Diese lebt isoliert in der Region Batang Toru innerhalb der drei Tapanuli-Distrikte auf Nordsumatra.


Tapanuli-Orang-Utan

Nun belegen UZH-Anthropologen gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam, dass es sich hierbei um eine dritte Orang-Utan-Art handelt: Pongo tapanuliensis. Die UZH-Forschenden weisen mit ihrer neuen Studie die umfangreichste je durchgeführte genetische Analyse an wildlebenden Orang-Utans vor.

Einzigartige Zähne und Schädelform

Erste Hinweise für die Einzigartigkeit der Tapanuli-Popluation lieferte das Skelettmaterial eines im Jahr 2013 getöteten männlichen Orang-Utans. Im Vergleich mit vielen anderen Schädeln sind beim Tapanuli-Orang-Utan gewisse Merkmale der Zähne und des Schädels einzigartig.

«Wir waren völlig überrascht, dass der Schädel in einigen Merkmalen anders ist, als alles, was wir zuvor gesehen hatten», erklärt Matt Nowak, der die morphologischen Merkmale im Rahmen seiner Dokorarbeit erforscht hat und heute für das Sumatra-Organ-Utan-Schutzprogramm (SOCP) arbeitet.

Drei evolutionäre Abstammungslinien identifiziert

«Als wir feststellten, dass sich die Tapanuli-Population morphologisch von allen anderen Orang-Utans unterscheiden, passten unsere Puzzleteile zusammen», ergänzt Michael Krützen, Professor für Evolutionäre Anthropologie und Genomik an der UZH.

Das Team um Krützen erforscht seit längerem die genetische Abstammung aller lebenden Orang-Utan-Populationen. Frühere Studienergebnisse sowie die aktuelle Genomsequenzierung von 37 Orang-Utans lieferten ein übereinstimmendes Bild mit den morphologischen Details: «Wir identifizierten drei sehr alte evolutionäre Abstammungslinien unter allen Orang-Utans, obwohl derzeit nur zwei Arten beschrieben sind», erklärt die frühere UZH-Doktorandin Maja Mattle-Greminger.

Direkte Nachkommen der ersten Orang-Utan-Population

Anhand von umfangreichen Computermodellierungen zur Rekonstruktion der Populationsgeschichte verifizierten die UZH-Forschenden ihre neue Erkenntnis.

Ihre Berechnungen zeigen, dass die Tapanuli-Population für mindestens 10’000 bis 20'000 Jahre von allen anderen auf Sumatra lebenden Orang-Utans isoliert gewesen war.

Alexander Nater, ehemaliger UZH-Doktorand, erläutert: «Die älteste evolutionäre Linie in der Gattung Pongo findet sich tatsächlich bei den Tapanuli-Orang-Utans.

Sie sind daher wahrscheinlich die direkten Nachkommen der ersten Population im Sunda Archipel.» Verhaltensbeobachtungen sowie ökologische Studien belegen diese genetischen und morphologischen Analysen.

Artenschutz steht im Vordergrund

«Es ist wirklich sehr spannend und aufregend, eine neue Menschenaffenart im 21. Jahrhundert zu identifizieren», sagt Hauptautor Michael Krützen. Jetzt gehe es aber vorderhand darum, den Tapanuli-Orang-Utan zu schützen.

«Jegliche Bemühungen zur Erhaltung der Art müssen sich primär auf den Schutz ihres Lebensraums richten», unterstreicht Krützen. Immer mehr Regenwaldgebiete gehen zugunsten der Landwirtschaft verloren.

Unberührte Wälder im Batang-Toru-Ökosystem fallen etwa Palmölplantagen zum Opfer. Geplant ist auch der Bau eines hydroelektrischen Damms, der den Lebensraum der Tapanuli-Orang-Utans weiter beschneiden wird.

Nur noch rund 800 Exemplare zählt die Tapanuli-Population, wie eine kürzlich durchgeführte, unabhängige Studie von indonesischen und internationalen Wissenschaftlern bilanziert. Der Tapanuli-Orang-Utan gilt somit als die am meisten bedrohte Menschenaffenart überhaupt.

«Wenn nicht früh genug Massnahmen eingeleitet werden, um gegenwärtige und zukünftige Bedrohungen zu reduzieren, und um jedes noch verbleibende Waldstück zu bewahren, stirbt eine Menschenaffenart bereits in wenigen Jahrzehnten aus», warnt Matt Nowak, der sich als Forschungsleiter des Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramms für die Tapanuli-Orang-Utan einsetzt.

Publikation

Alexander Nater et al. Morphometric, behavioral, and genomic evidence for a new orangutan species. Current Biology. November 2, 2017. DOI:10.1016/j.cub.2017.09.047



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Studienaufbau (a) mit der Barriere, unter der in einem Fall die Werkzeugenden zu sehen sind (b), die Werkzeugenden nicht zu sehen sind (c) oder hinter der sich ein Stück Futter verbirgt (d).; Bildquelle: MPI für evolutionäre Anthropologie

Menschenaffen wissen, wenn sie etwas nicht wissen

Schimpansen und Orang-Utans suchen nach Informationen, um Wissenslücken zu schließen
Weiterlesen

Orang-Utan-Weibchen Sol ; Bildquelle: Jutta Kirchner

Totgeburt bei Orang-Utan im Tiergarten Schönbrunn

Die mit Freuden erwartete Geburt eines Orang-Utan-Jungtieres im Tiergarten Schönbrunn hat am 19.4.2017 ein trauriges Ende genommen
Weiterlesen

Orang-Utan Dokana im Zoo Leipzig.; Bildquelle: MPI f. evolutionäre Anthropologie

Menschenaffen erkennen bei anderen falsche Erwartungen

Bonobos, Schimpansen und Orang-Utans verstehen, dass andere von etwas Falschem überzeugt sein können
Weiterlesen

Die Orang-Utans auf Sumatra sind durch den Verlust ihres Lebensraums bedroht.; Bildquelle: Perry van Duijnhoven

Mehr Sumatra Orang-Utans als bisher angenommen

Der Sumatra Orang-Utan, eine der zwei existierenden Orang-Utan-Arten, lebt ausschließlich im Norden der indonesischen Insel Sumatra und ist vom Aussterben bedroht
Weiterlesen

Niederrangiges Orang-Utan Männchen ohne Backenwülste (links) und dominantes Männchen mit Backenwülsten (rechts), Tanjung Puting Nationalpark, Indonesien.; Bildquelle: Bpk Bain

Weibliche Orang-Utans bevorzugen Männchen mit Backenwülsten

Dominante Orang-Utan Männchen mit Backenwülsten zeugen die meisten Nachkommen –aber nur in Zeiten einer stabilen Rangordnung
Weiterlesen

Orang-Utan mit Nachwuchs; Bildquelle: Andrew Hearn and Joanna Ross

Orang-Utans leben nicht nur auf Bäumen

Orang-Utans halten sich weit häufiger auf dem Boden auf als bislang bekannt. Das ist die wichtigste Erkenntnis, die  jetzt in der  Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde
Weiterlesen

Männlicher Orang Utan; Bildquelle: UZH

Orang-Utans planen ihre zukünftige Route und teilen sie mit

Männliche Orang-Utans planen ihre Route bis zu einem Tag im Voraus und teilen sie gezielt anderen Artgenossen mit. Um Weibchen anzulocken und männliche Rivalen abzuschrecken rufen sie in die Richtung, in die sie gehen werden
Weiterlesen

Schweizerischer Nationalfonds (SNF)

Vergleichende Feldbeobachtungen von Orang-Utans auf Sumatra und Borneo

Die Geschlechtsentwicklung, das Paarungsverhalten und das soziale Gefüge von Orang-Utans hängen stärker als bisher vermutet von ihrer Umwelt ab: Wo der Regenwald mehr Nahrung hergibt, steigt der Einfluss des dominanten Männchens
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen





[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...