Covid-19 vs. Naturschutz: Herausforderungen im BioRescue-Rettungsprogramm zum Erhalt des Nördlichen Breitmaulnashorns in einer globalen Pandemie

(09.02.2021) Die COVID-19-Pandemie - verursacht durch das neue Coronavirus SARS-CoV-2 - hat das Leben jedes Menschen auf dem Planeten verändert und wirtschaftliche, kulturelle, soziale und politische Prozesse beeinflusst. Forschung und Naturschutz sind von diesen negativen Auswirkungen nicht ausgenommen.

Derzeit werden die positiven Folgen einer „Anthropause“ auf die Umwelt kontrovers diskutiert. Das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte BioRescue-Forschungsprogramm zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns ist ein Beispiel für die Herausforderungen, die bei der Durchführung von Forschung und Naturschutz in einem internationalen Konsortium in Zeiten einer globalen Pandemie zu bewältigen sind.


BioRescue-Rettungsprogramm zum Erhalt des Nördlichen Breitmaulnashorns

COVID-19 behinderte die Kommunikation und Reisen, verhinderte oder verzögerte entscheidende Verfahren, verursachte Einnahmeverluste und senkte damit möglicherweise die Chancen auf ein Überleben des Nördlichen Breitmaulnashorns.

Dennoch hat das Konsortium in diesen schwierigen Zeiten Strategien angepasst und wertvolle Erkenntnisse gewonnen und konnte seine Mission vorantreiben. Die Auswirkungen der Pandemie auf das BioRescue-Projekt wurden jetzt im  wissenschaftlichen „Journal of Applied Animal Ethics Research“ veröffentlicht.

Derzeit gibt es nur noch zwei Nördliche Breitmaulnashörner auf der Welt, beide sind weiblich. Um das Aussterben des Nördlichen Breitmaulnashorns zu verhindern, versucht ein internationales Konsortium aus Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen Technologien der assistierten Reproduktion und stammzellverwandte Techniken voranzutreiben.

Mithilfe dieser Techniken und Methoden sollen Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns im Labor erzeugt werden. In naher Zukunft sollen diese Embryonen in Leihmütter von Südlichen Breitmaulnashörnern eingesetzt werden, um Nachkommen von Nördlichen Breitmaulnashörnern zu erzeugen. Dieses grenzüberschreitende Programm wird von einem internationalen Team durchgeführt, das global arbeitet und Wissenschaftler*innen und Naturschützer*innen aus Deutschland, Kenia, Japan, der Tschechischen Republik, den USA und Italien umfasst. Seit März 2020 wurde die Arbeit des Konsortiums durch die Covid-19-Pandemie in mehrfacher Hinsicht auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene stark beeinträchtigt.

Auf internationaler Ebene war das größte, zu überwindende Hindernis die internationale Reisebeschränkung. „Die Konsortialpartner hatten sich zuvor darauf geeinigt, die Eizellen der letzten beiden Nördlichen Breitmaulnashörner alle drei bis vier Monate zu entnehmen.

Dieses Intervall gilt als sicher, um bei maximaler Eizellgewinnung die Gesundheit der Weibchen sicherzustellen. Jede einzelne der Eizellen ist enorm wertvoll, da daraus potenzielle Nachkommen erzeugt werden können“, erklärt BioRescue-Projektleiter Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW).

Nach der durch die Pandemie verursachten Zwangspause war für März 2020 eine weitere Eizellenentnahme in der Ol Pejeta Conservancy in Kenia geplant. „Aufgrund internationaler Reisebeschränkungen musste auch diese Prozedur abgesagt werden und konnte erst nach der Wiederöffnung der Grenzen Kenias im August 2020 durchgeführt werden“, ergänzt Leibniz-IZW-BioRescue-Wissenschaftlerin Susanne Holtze, die sich die Erstautorenschaft der Publikation mit Hildebrandt teilt.

„Das bedeutet nicht nur, dass wir eine entscheidende Chance verpasst hatten, um ein oder zwei wertvolle Embryonen herzustellen. Die Reisebeschränkungen hatten auch konkrete Auswirkungen auf unser weiteres Vorgehen im August 2020“, erklärt Holtze. Das lange Intervall seit der letzten Eizellentnahme, die im Dezember 2019 stattfand, hat die Qualität der Eizellen negativ beeinträchtigt.

Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der Grund dafür, dass von zehn Eizellen keine Embryonen erzeugt werden konnten. Darüber hinaus verringert die Verzögerung möglicher Embryotransfers in Kenia auch die Chancen der zukünftigen Nördlichen Breitmaulnashorn-Kälber mit Individuen ihrer eigenen Art aufzuwachsen. Das minimiert auch die Chance, prägendes Sozialverhalten von der eignen Art zu erlernen.

Das BioRescue-Forschungsprogramm zur Rettung der Nördlichen Breitmaulnashörner hat durch die Pandemie fast ein Jahr verloren - eine ernsthafte Verzögerung im Wettlauf gegen die Zeit. „Auf der anderen Seite hat uns die unfreiwillige Pause neue wertvolle Erkenntnisse für das Reproduktionsmanagement der Nördlichen Breitmaulnashörner gebracht“, sagt Hildebrandt.

„Für die Wissenschaft haben wir auch 2020 noch Fortschritte gemacht und konnten mit unserer Kenia-Mission im Dezember 2020 unsere Forschung erfolgreich fortsetzen.“

Neben den Herausforderungen durch die Reisebeschränkungen nach Kenia gab es noch weitere Hürden für das Forschungskonsortium. Die Abriegelungen und zeitweilige Schließungen öffentlicher Einrichtungen in der Tschechischen Republik verursachte beim Konsortialpartner Safaripark Dvůr Králové spürbare Umsatzeinbußen.

„Wir standen vor der noch nie dagewesenen Situation, keine Einnahmen aus Eintrittsgeldern und anderen Dienstleistungen zu erwirtschaften. Allen Widrigkeiten zum Trotz waren wir jedoch schnell in der Lage, neue Wege zu entwickeln, wie wir unsere potenziellen Besucher*innen und Unterstützer*innen online erreichen können, und das ermöglichte es uns, unsere Unterstützung für das BioRescue-Rettungsprogramm auf demselben Niveau wie in den Vorjahren zu halten.

Unsere höchste Priorität ist es, Arten vor dem Aussterben zu bewahren. COVID-19 hat uns bestätigt, wie wichtig die Unterstützung einzelner Spender ist“, sagt Jan Stejskal, Direktor für Kommunikation und internationale Projekte des Safariparks.

Ähnlich erging es der gemeinnützigen Ol Pejeta Conservancy (OPC) in Kenia, die die letzten beiden Nördlichen Breitmaulnashörner beherbergt. Auch OPC verbuchte einen drastischen Rückgang der Einnahmen aus dem internationalen Tourismus aufgrund des Reiseverbots, nationaler Ausgangssperren und der Isolation der nationalen Hauptstadt Nairobi.

„Daher war Fundraising notwendig, um unsere Wildtier- und Schutzprogramme aufrechtzuerhalten und die Gehälter zu bezahlen“, sagt Ol Pejeta-Geschäftsführer Richard Vigne. „Der Schutz der Nashörner und die professionelle tierärztliche Versorgung wurden jedoch in Zusammenarbeit mit dem Kenya Wildlife Service zu jeder Zeit aufrechterhalten.“

Für die Forschungseinrichtungen der Konsortialpartner in Deutschland, Italien und Japan gab es unterschiedlich starke Einschränkungen für die Laborarbeit. Entscheidende Arbeiten am Leibniz-IZW, im Avantea Laboratory of Reproductive Technologies (Italien), an der Kyushu University (Japan) und am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (Deutschland) konnten nur eingeschränkt weitergeführt werden.

„Das Personal in den Laboren war begrenzt, Hygienevorschriften wurden erlassen, der Transport von Proben und Geräten wurde erschwert und nicht zuletzt zwang die Schließung von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen die Eltern von der Laborarbeit ins Home Office“, resümiert Sebastian Diecke vom Max-Delbrück-Centrum. Auch an der Universität Padua wurden Labore und Büros geschlossen und Online-Lehre und -Forschung implementiert.

Das Team, das für die ethische Überwachung des BioRescue-Programms zuständig ist, arbeitete weiterhin von zu Hause aus und musste seine Strategien anpassen, um die ethische Bewertung für alle Einsätze weiterzuführen.

„Trotz aller Schwierigkeiten wurde die ethische Bewertung bei allen BioRescue-Forschungseinsätzen immer durchgeführt, und das mit hohen Qualitätsstandards und unter der Einhaltung von Sicherheit und Wohlergehen sowohl der Forscher*innen als auch der beteiligten Tiere“, sagt Barbara de Mori von der Universität von Padua.

„COVID-19 hat auf der ganzen Welt katastrophale Folgen, aber zwei neue Embryonen, die wir im Dezember 2020 produziert haben, beweisen, dass unser BioRescue-Team entschlossen ist, alle wissenschaftlichen und logistischen Herausforderungen zu meistern, die die Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns mit sich bringen“, sagt Jan Stejskal.

Neben schweren negativen Auswirkungen der Pandemie gab es auch einige positive. Zum Beispiel eröffnete die Schließung der internationalen Grenzen neue Möglichkeiten für Verfahren der assistierten Reproduktion in Deutschland, die für die Weiterentwicklung und Perfektionierung von Methoden und Techniken wichtig waren. So konnte beispielsweise aufgrund von Reisebeschränkungen ein Paarungspartner für ein Südliches Breitmaulnashornweibchen in einem deutschen Zoo nicht anreisen.

Dadurch hatte das BioRescue-Team die Möglichkeit, mit dem Tier zu arbeiten. Darüber hinaus trugen soziale Distanzierungsvorschriften dazu bei, eine neue Kultur der regelmäßigen Online-Treffen innerhalb der Konsortialpartner zu etablieren, die sich als nützlich erwies und beibehalten werden soll.

Und schließlich gibt es ein neues Bewusstsein für die Zerstörung von Lebensraum und den Verlust von Biodiversität als Schlüsselfaktoren für neu auftretende zoonotische Infektionskrankheiten. „Bei BioRescue geht es nicht nur um die Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns. Auch die langfristige Wiederherstellung zerstörter Lebensräume in Zentralafrika ist ein nachhaltiges Mittel im Kampf gegen Pandemien“, sagt Thomas Hildebrandt.

„Es ist ironisch und bitter, dass unsere Mission ausgerechnet durch das, was sie letztlich unwahrscheinlicher machen soll, eine Pandemie, schwer getroffen wurde.“

Mehr Informationen über BioRescue sowie Möglichkeiten, das Projekt zu unterstützen, finden Sie auf www.biorescue.org.


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